Exponentielles Denken – Zwischen Utopie und Business 4.0

Exponentielles Denken – Zwischen Utopie und Business 4.0

Wie uns der technologische Wandel eine neue Sicht der Welt lehrt

Stellen Sie sich eine Strecke von 30 Schritten vor. Das fällt Ihnen sicherlich nicht schwer, denn solche Entfernungen kennen Sie aus dem Alltag. Machen wir das Gedankenexperiment etwas anspruchsvoller: Mit jedem Schritt erfolgt eine Potenzierung. Beim zweiten Schritt laufen Sie schon doppelt so weit, beim dritten viermal so weit und immer so weiter. Können Sie sich vorstellen, wie weit Sie nach 30 solchen exponentiellen Schritten gelaufen wären? Es wäre etwa eine Million Kilometer; genug um die Erde 26-mal zu umrunden oder zweieinhalb Mal zum Mond zu laufen. Genau das ist der Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Denken.

Das mooresche Gesetz und die technologische Singularität

Das genannte Beispiel für exponentielles Denken stammt vom amerikanischen Ingenieur und Unternehmer Peter H. Diamandis, der 2008 mit dem Erfinder und Futuristen Ray Kurzweil die Singularity University gründete. Die Denkfabrik beschäftigt sich mit wissenschaftlichem Fortschritt und sogenannten exponentiellen Technologien. Genau diese nämlich seien es, die in den nächsten Jahrzehnten unser ganzes Leben verändern und uns ein neues Denken abverlangen werden.

Als Hauptargument wird dabei die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie genannt, also alles, was in der Öffentlichkeit unter Schlagwörtern wie „Digitalisierung“ und „Business 4.0“ verhandelt wird. Grundlage dieser Entwicklung ist seit Jahrzehnten das sogenannte Mooresche Gesetz, nach dem sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten regelmäßig verdoppelt – je nach Fassung des Gesetzes werden 12 bis 24 Monate angenommen. Die exponentielle Entwicklung insbesondere der Rechenleistung von Computern wird nun von manchen Zukunftsforschern einfach in die Zukunft verlängert: Bei Fortsetzung dieser Entwicklung sei es nur eine Frage der Zeit, bis Computer die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns erreichen oder sogar übertreffen; ein Zeitpunkt, der in der Literatur als „technologische Singularität“ bezeichnet wird. Ray Kurzweil erwartet diese Singularität für das Jahr 2045.

Exponentielle Geschäftsmodelle

Solche Prognosen klingen für uns phantastisch. Doch egal wie man zu Fragen wie Singularität und Künstliche Intelligenz auch stehen mag: Beschleunigter technologischer Wandel ist eine Grundlage unseres modernen Lebens geworden. Dies gilt auch für das Geschäftsleben: Unternehmer wie Google-Gründer Larry Page oder Amazon-CEO Jeff Bezos haben gezeigt, wie man neue Technologien für seinen Geschäftserfolg nutzen kann. Umgekehrt kann disruptiver technologischer Wandel auch bedeuten, dass Geschäftsmodelle oder sogar ganze Branchen obsolet werden. Wie können Unternehmen sich auf diese Herausforderungen vorbereiten? Die Antwort der Singularity University ist die Entwicklung exponentieller Geschäftsmodelle auf Basis der neuen Technologien. Dabei strebt man – inspiriert von der technischen Entwicklung – kein inkrementelles Wachstum etwa von 10 Prozent an, sondern eine Verzehnfachung („10X“).

Bei der Singularity University nennt man für solche Geschäftsmodelle folgende neun Eigenschaften: Erstens ein „Massive Transformative Purpose (MTP)“. Dabei geht es um ein ehrgeiziges Vorhaben, das massenhaft verbreitete Probleme löst und auf positive Weise die Welt oder wenigstens eine Branche verändert. Zweitens eine digitale „Value Proposition“, ein Wertversprechen, das die Digitalisierung nutzt, um völlig neue Märkte zu erschaffen. Drittens „Relationships“ zu den Kunden – Kollaboration mit einer Basis von „Fans“ wie zum Beispiel auch beim viralen Marketing. Die vierte Eigenschaft sind Kanäle oder „Channels“ auf der Basis digitaler Netzwerke, etwa wenn sich die Nutzer von Verkehrs-Apps in Echtzeit vor Staus warnen können. Fünftens gehören dazu „Key Activities“, die automatisierbar und skalierbar sind, etwa in Herstellung oder Distribution – hier gehört Amazon derzeit sicherlich zu den führenden Unternehmen. Sechstens braucht es für diese Schlüsselaktivitäten einen „lean approach“, also schlanke Prozesse ohne unnötige Bürokratie. Siebtens kommt es auf die geschickte Nutzung von Algorithmen an („Algorithm to the core“), wobei Google mit seinem Suchalgorithmus wohl das bekannteste Beispiel darstellt. Achtens braucht es eine „networked culture“ im Unternehmen, also eine offene, dezentralisierte und unterstützende Unternehmenskultur, die den einzelnen Mitarbeitern viel Freiraum lässt und sie wie ein intelligentes Netzwerk agieren lässt – ein oft genanntes Stichwort ist „Holokratie“. Schließlich werden neuntens ungewöhnliche Partnerschaften („uncommon relationships“) genannt – wenn Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen zusammenarbeiten können sich spannende Synergieeffekte ergeben. Dieser Ansatz geht über klassisches Outsourcing hinaus und zielt insbesondere auf gemeinsame Projekte zur Entwicklung völlig neuer Produkte und Dienstleistungen.

Fazit

Das Ideal hinter dem exponentiellen Denken ist das Start-Up, das in wenigen Jahren Milliarden Dollar verdient. So ehrgeizig müssen Ihre Ziele vielleicht nicht unbedingt sein. Dennoch erlaubt diese Perspektive einen neuen Blick auf das eigene Unternehmen – und bringt Sie vielleicht auf ganz neue Geschäftsideen.

 

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