Gut gestimmt!

Gut gestimmt!

Zur Bedeutung der Stimme für die Kommunikation und wie man diese pflegen kann. Ein Artikel anlässlich des Welttags der Stimme am 16. April 2018.

Unsere Stimme ist Visitenkarte, Beziehungspfleger und Türöffner in einem. Ihre Bedeutung für eine gelungene Kommunikation kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Mit einer hohen, piepsigen Stimme wird es zum Beispiel schwer fallen, sich Gehör zu verschaffen, souverän und kompetent zu wirken. So führen angestrengte oder gar heisere Stimmen bei Lehrern nachweislich zu mehr Unruhe bei den Schülern, was den Lernerfolg mindern kann. Wir mögen hingegen den Klang einer warmen, tiefen Stimme und schreiben Personen mit einer solchen Stimme automatisch mehr Kompetenz und Glaubwürdigkeit zu. Nicht ohne Grund hört man in der Werbung fast ausschließlich diese Art der Stimmen. Die Wirkungsmacht der Stimme ist also nicht zu unterschätzen.

Um diese zentrale Bedeutung der Stimme im Alltag hervorzuheben, wurde 1999 von HNO-Ärzten und Logopäden der Welttag der Stimme ins Leben gerufen. Rund 30 Prozent aller Berufe in den Industrienationen sind sogenannte Sprechberufe, darüber hinaus wird in ca. 60 Prozent der Stellenbeschreibungen die Notwendigkeit kommunikativer Fähigkeiten betont. Warum ist die Stimme dabei so wichtig?

Bedeutung der Stimme für die Kommunikation

Wir kommunizieren nicht nur mit Worten. Tatsächlich kommunizieren wir auf drei Ebenen – der verbalen, der paraverbalen und der nonverbalen. Mit der nonverbalen Kommunikation ist alles Nichtsprachliche gemeint, also Mimik, Gestik, Körperhaltung, Verhalten im Raum etc. Verbal bezeichnet die inhaltliche Ebene, das WAS gesagt wird. Paraverbal umfasst alle Aspekte dessen WIE etwas gesagt wird, also Stimmklang, Artikulation, Melodie, Betonung, Pausensetzung, Lautstärke und Sprechtempo. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick spricht von digitalen und analogen Modalitäten, wobei er mit digital den Bereich der verbalen Kommunikation greift, der vor allem die Inhaltsebene vermittelt. Die analoge Modalität umfasst die para- und nonverbale Ebene, die vor allem Beziehungsaspekte transportiert. Wenn Inhalt und Gestaltung zusammenpassen – man spricht von Kongruenz – ergibt sich ein stimmiges Bild, das der Empfänger als überzeugend und authentisch wahrnimmt. Die paraverbale und nonverbale Ebene unterstreichen und verstärken hier das WAS gesagt wird. Wenn allerdings diese Ebenen nicht zusammenpassen, also inkongruent sind, dann wird der para- und nonverbalen Ebene mehr Gewicht gegeben. Wenn also jemand beispielsweise mit trauriger, monotoner Stimme, verquollenen Augen und hängenden Mundwinkeln sagt „Mir geht´s spitze!“, dann wird man dem Inhalt dieser Botschaft keinen Glauben schenken.

Ihre Stimme transportiert also viele Informationen, sie verrät etwas über Ihr Alter, Ihr Geschlecht, Ihren Gesundheitszustand, Ihre Stimmung, Ihre Einstellung zu sich selbst, zum Gesprächsthema und zu Ihrem Gesprächspartner. Mit Ihrer Stimme können Sie Ihr Gegenüber einschläfern, oder auch begeistern und mitreißen. Es lohnt sich also Ihrem „Instrument“ einige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und diese zu pflegen. Deshalb stellen wir Ihnen im Folgenden einige einfache Übungen vor, mit denen Sie Ihre Stimme trainieren oder lockern können. Im Anschluss erhalten Sie noch einige Tipps zur Stimmhygiene, damit Ihre Stimme gesund und einsatzfähig bleibt. Doch zunächst einige Grundlagen zu Entstehung der Stimme.

Wie die Stimme entsteht

Der Stimmklang entsteht, indem die Ausatemluft die Stimmlippen im Kehlkopf in Schwingungen versetzt – ein Ton wird gebildet. Dieser Grundton wird nun durch die Hohlräume über und unter den Stimmlippen verstärkt und geformt. Dies ist dann kein Ton mehr, sondern ein Klang. Die Artikulationswerkzeuge Lippen, Kiefer und Zunge sorgen dann für die Ausformung von Konsonanten und Vokalen und verwandeln den Klang so in Worte und Sätze.

Die Stimme ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. In der forensischen Phonetik kann die Stimme, z.B. von Telefonmitschnitten, eindeutig einer Person zugeordnet werden, selbst wenn der Täter sie verstellt hat. Dennoch kann jeder, im Rahmen seiner physiologischen Gegebenheiten, eine warme, resonanzreiche Stimme entwickeln, deutlich artikulieren und abwechslungsreich sprechen lernen.

Hierfür ist das Zusammenspiel verschiedener an der Stimmbildung beteiligter Aspekte wichtig. Dazu gehört eine aufrechte Körperhaltung und eine „ausgeglichene Spannung“ – die Muskeln sollten also weder schlaff, noch übermäßig angespannt sein. Wichtig ist es, tief einzuatmen und durchs Zwerchfell gestützt den Ausatemstrom effizient zu führen. Die Stimmlippen sollen frei und locker auf einer angemessenen Tonhöhe schwingen und die Resonanzräume in Brustraum und Kopf ausfüllen. Die Artikulationswerkzeuge sollten beweglich sein und präzise arbeiten. Ein fundiertes Training zur Stimm- und Sprechbildung sollte daher immer alle diese Aspekte berücksichtigen.

Kurzes Stimmerwärmungsprogramm

Wie bereits erläutert, ist die Stimme ein komplexes Phänomen, an dessen Entstehung viele verschiedene Muskelgruppen beteiligt sind. Dem sollte auch ein Stimmerwärmungsprogramm Rechnung tragen. Dieses sollte daher immer aus vier Bestandteilen bestehen: Übungen zur Körperhaltung, Atmung, Stimmbildung und Artikulation.

Körperhaltung

  • Strecken Sie sich genüsslich nach oben aus – greifen Sie dabei nach imaginären Früchten; dann lassen Sie nach und nach alle Muskeln von den Handgelenken bis zur Hüfte locker und baumeln entspannt mit vorgebeugtem Oberkörper. Rollen Sie dann Wirbel für Wirbel auf, bis Sie wieder aufrecht stehen. Wiederholen Sie diese Übung noch 2x.
  • Kreisen Sie langsam mit Ihren Schultern – erst vorwärts, dann rückwärts.
  • Ziehen Sie Ihre Schultern zu den Ohren hoch und atmen dabei durch die Nase ein – halten Sie dies – dann lassen Sie die Schultern wieder fallen und atmen dabei kräftig durch den Mund aus. Wiederholen Sie diese Übung 3x.
  • Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf sei ein Heliumballon, der nach oben steigt; die Wirbelsäule ist die Schnur, die zwar gerade und aufrecht, aber dennoch flexibel ist.

Atmung

  • Gähnen Sie herzhaft. Gern auch mit Stimme. Das lockert die Muskeln im Kehlkopf und weitet Ihr Ansatzrohr.
  • Stellen Sie sich vor, dass Sie ein Luftballon sind – mit einem großen Blasebalg bekommen Sie eine große Portion Luft – atmen Sie schnell durch die Nase ein und heben Sie dabei Ihre Arme seitlich in die Waagerechte. Nun wird langsam die Luft über ein Ventil ausgelassen – atmen Sie langsam aus und lassen dabei die Arme sinken. Kurz bevor Sie zusammensacken, bekommen Sie die nächste große Portion Luft – zählen Sie beim Ausatmen dann langsam laut von 21 bis 28.
  • Pusten Sie nacheinander 7 imaginäre nebeneinanderstehende Kerzen aus, auf „f//f//f//f//f//f//f“ – lassen Sie dazwischen deutliche Pausen, atmen Sie jedoch nicht ein – spüren Sie dabei wie Ihr Zwerchfell arbeitet – dieses ist der wichtigste Atemmuskel.
  • Ein gutes Training ist auch das Aufblasen eines Luftballons, da Sie hierfür Lungenvolumen und eine gute Stütze benötigen.

Stimme

  • Stellen Sie sich eine köstliche Speise vor, wie sie aussieht, wie sie duftet – dann kauen Sie diese gedanklich genüsslich mit lockeren Kaubewegungen durch und stülpen Sie die Lippen nach vorne, tönen Sie locker auf „mmhmm“ und bewegen die Stimme entspannt auf und ab. Öffnen Sie dann auch gern den Mund für „mnjooom“, „mnjaaam“. Vergessen Sie dabei das lockere Kauen nicht. Dies hilft Ihnen, Ihre oberen Resonanzräume zu finden und zu nutzen.
  • Atmen Sie langsam durch die Nase aus und summen dann kräftig und laut auf einer angenehmen Tonhöhe „mmmmmm“, grinsen Sie dabei mit hochgezogenen Wangenmuskeln, die Lippen liegen nur leicht aufeinander und sollten anfangen zu kribbeln. Dieses Kribbeln lassen Sie sich langsam auf den gesamten Kopf ausdehnen, bis alles vibriert und dröhnt wie in einem Bienenstock.
  • Um die für Sie beste Stimmlage, die sogenannte Indifferenzlage zu finden – jene, bei der die Stimme ohne Verspannungen klingen kann – zählen Sie gelangweilt von 21 bis 30.

Artikulation

  • Für die Lockerung Ihrer Gesichtsmotorik machen Sie abwechselnd ein kleines, dann ein großes Gesicht.
  • Pusten Sie Ihre Wangen auf und lassen Sie Ihre Lippen flattern, erst ohne, dann mit Stimme.
  • Fahren Sie mit der Zunge die Zahnreihen entlang, ändern Sie die Richtung. Anschließend mit der Zunge schnalzen, dabei Lippen spitzen und breit ziehen.
  • Kiefermuskulatur anspannen und lockerlassen. Dann den Kiefer locker bewegen auf genervtem „jajajajaja“ – Sie sollten das Gefühl haben, dass Sie Ihren Mund extrem weit öffnen. Dann kann der Klang sich frei entfalten.
  • Blasen Sie Ihre Wangen auf und lassen dann locker die Luft entweichen – als würden Sie eine Seifenblase platzen lassen; dann sprechen Sie locker „bla-ble-bli-blo-blu“.
  • Sprechen Sie Zungenbrecher langsam und deutlich, dann erhöhen Sie das Tempo, ohne jedoch an Deutlichkeit zu verlieren. Dafür eignen sich Klassiker wie „Fischers Fritze …“, „Der Cottbuser Postkutscher …“, „Wenn der Benz bremst, brennt das Benz-Bremslicht.“, „Blaukraut bleibt …“)

 Tipps zur Stimmhygiene

Ihnen liegt das Wohl Ihrer Stimme am Herzen? Dann hören Sie auf zu rauchen bzw. fangen gar nicht erst damit an. Es sei denn Sie möchten klingen, wie Tom Waits oder Wilhelmine Klemm aus dem Münsteraner Tatort. Trinken Sie außerdem viel Wasser oder ungesüßte Kräutertees, vermeiden Sie Kaffee und säurehaltige Getränke, diese reizen die Schleimhäute. Sinnvoll ist es auch, die Stimme morgens oder vor einer sprechintensiven Tätigkeit sanft aufzuwärmen. Sportler wärmen stark beanspruchte Muskelgruppen schließlich auch vor dem Training auf, damit es nicht zu Zerrungen kommt. Nutzen Sie hierfür gern oben stehendes Übungsprogramm.

Sollte Ihre Stimme einmal, z.B. durch eine Erkältung, angeschlagen sein, dann trinken Sie am besten viel Thymian- oder Salbeitee, lutschen Salbeibonbons, Emserpastillen und inhalieren mit Salzwasser. Verzichten Sie bitte auf menthol- oder eukalyptushaltige Bonbons, da die enthaltenen ätherischen Öle Ihre entzündeten Schleimhäute zusätzlich reizen. Bitte flüstern und räuspern Sie sich nicht, da dies die Stimmbänder zusätzlich belastet. Stattdessen summen Sie besser, trinken etwas oder husten nasal ab. Bei anhaltender Heiserkeit, Räusperzwang, Trockenheits-, Enge- oder Fremdkörpergefühl suchen Sie am besten einen HNO-Arzt auf, damit sich keine chronische Stimmstörung manifestiert.

Wir wünschen Ihnen gute Stimmung in allen Ihren Gesprächen!

Mehr zum Thema:

Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung

 

 

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